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Der Hauptmann von Köpenick >> Die Köpenickiade

 

   
 

Seinen am 16. Oktober 1906 folgenden Coup plante Voigt sorgfältig. Er informierte sich über Details der Ablösung von Wachmannschaften, die in ruhigen Gegenden von Berlin und nur unter Führung von Gefreiten stattfanden. Als mögliche Tatorte wählte er Rathäuser von bei Berlin gelegenen Kleinstädten aus. Nachdem er anfangs auch Oranienburg und Bernau in Erwägung gezogen hatte entschied er sich schließlich für Köpenick. Des weiteren kaufte er sich bei verschiedenen Trödlern in Potsdam und Berlin die Uniform eines preußischen Hauptmanns vom 1. Garderegiment zusammen.

Am Abend des 15. Oktober legt Voigt seine Uniform in der Jungfernheide an. Am 16. Oktober fährt Voigt mit dem ersten Frühzug nach Stralau-Rummelsburg und von dort mit dem Vorortzug nach Köpenick. Hier sondiert Voigt das Terrain, insbesondere prägt er sich die Gegend um das Rathaus ein. Danach fährt Voigt zum Bahnhof Putlitzstraße zurück und verbringt den restlichen Vormittag in einer Gastwirtschaft in Plötzensee.

Gegen Mittag, zur Zeit der Wachablösungen, wartet Voigt in der Sylter Straße auf die abgelöste Wache vom Schießstand. Es kommt jedoch zunächst ein Trupp Gardefüsiliere vorbei, der aus drei Mann und dem Gefreiten Klapdohr besteht und als abgelöste Wachmannschaft der Militärschwimmanstalt am Plötzensee auf dem Rückmarsch in die Kaserne ist. Voigt hält den Trupp an und erfährt durch seine Nachfrage, daß die vom Schießstand abgelöste Wache im Anmarsch ist. Er befiehlt dem Gefreiten Klapdohr diesen aus fünf Mann und einem Gefreiten bestehenden Trupp vom Garderegiment zu Fuß heranzuholen. Unter Berufung auf allerhöchste Kabinettsorder unterstellt Voigt die vereinigten Wachen seinem Befehl und macht den Gefreiten Klapdohr zum Abteilungsführer.

Mit der ihm nun zur Verfügung stehenden Streitmacht marschiert Voigt zum Bahnhof Putlitzstraße und fährt von dort nach Köpenick, wo er die Soldaten zu Mittag essen läßt. Danach läßt Voigt antreten, befiehlt das Seitengewehr aufzupflanzen und marschiert zum Rathaus Köpenick. Dort angekommen lässt Voigt vor den Portalen und Nebeneingängen Posten aufstellen und die Tore schließen. In den Fluren postiert er Soldaten, die jeglichen Kontakt der im Rathaus befindlichen Personen untereinander verhindern sollen. Die örtliche Gendarmerie wird von Voigt angewiesen während der Aktion für Ruhe und Ordnung zu sorgen.

Im Vorzimmer des Bürgermeisters im ersten Stock lässt Voigt den Oberstadtsekretär Rosenkranz arretieren, danach verhaftet er den Bürgermeister Dr. Georg Langerhans. Dem Rendanten von Wilt-
berg teilt Voigt mit, daß er die Verwaltung der Stadt übernommen habe und läßt ihn einen Kassen-
abschluß machen, welcher einen Kassenbestand von 4002,37 Mark ergibt. Dieser Betrag setzt sich aus Bargeld in Höhe von 3557,45 Mark, Zinsscheinen in Höhe von 443,25 Mark sowie einem Fehlbetrag in Höhe von 1,67 Mark zusammen. Das Bargeld läßt sich Voigt gegen Quittung aushändigen, auf der Quittung unterschreibt er mit einem falschen Namen sowie dem Zusatz "H.i.1.G.R." (Hauptmann im 1. Garderegiment). Danach lässt Voigt Dr. Langerhans in Begleitung von dessen Ehefrau unter Bewa-
chung zur Neuen Wache nach Berlin abtransportieren. Vorher läßt er sich vom Bürgermeister das Ehrenwort geben unterwegs keinen Fluchtversuch zu machen. In einem zweiten Wagen wird auch der Rendant von Wiltberg - ebenfalls unter Bewachung - zur Neuen Wache nach Berlin transportiert.

Seiner Truppe gibt Voigt den Auftrag, die Wachen nach einer halben Stunde einzuziehen, per Bahn nach Berlin abzurücken und sich in der Neuen Wache zu melden. Er selbst verlässt das Rathaus in Richtung Bahnhof Köpenick und fährt von dort nach Berlin. In der Stadt kauft er sich neue Kleidung und Stiefel und bezahlt mit dem konfiszierten Geld. Danach fährt er mit einer Droschke zum Bahnhof Herr-
mannstraße in Rixdorf. Dort entledigt er sich seines Säbels, anschließend zieht er auf dem Tempelhofer Feld die neu gekauften Sachen an. Seine Hauptmannsuniform läßt er liegen.

Die sofort nach der Einlieferung des Bürgermeisters von Köpenick und seines Rendanten auf der Neuen Wache in Berlin eingeleiteten Maßnahmen zur Ergreifung des Täters bleiben zunächst erfolglos. Vom Regierungspräsidenten von Potsdam werden 2000 Mark und vom Köpenicker Magistrat weitere 500 Mark als Belohnung für zielführende Hinweise ausgesetzt. Daraufhin geht eine Vielzahl von Hinweisen ein, unter anderem auch von den Verkäufern des Konfektions- und des Schuhgeschäfts in denen Voigt sich neue Sachen gekauft hatte.

Der entscheidende Hinweis kommt dann von einem ehemaligen Mithäftling Wilhelm Voigts namens Kallenberg. Dieser sagt aus, daß Voigt ihm einmal erzählt habe, daß er nach seiner Entlassung etwas mit dem Militär drehen wolle. Daraufhin zeigt man Personen, die an der Köpenickiade teilgenommen hatten eine Fotografie Voigts auf der sie den Hauptmann wiedererkennen.

Die Polizei versucht nun Voigt bei seiner Schwester in Rixdorf - seiner letzten offiziellen Adresse - festzunehmen, dort wohnt er jedoch nicht mehr. Allderdings erfahren die Beamten dort seine neue Adresse. Am 26.10.1906 - kurz vor 8 Uhr morgens  - wird Wilhelm Voigt verhaftet und am 1.12.1906 "wegen unbefugten Tragens einer Uniform, Vergehens gegen die öffentliche Ordnung, Freiheitsberau-
bung, Betruges und schwerer Urkundenfälschung" zu einer Gefängnisstrafe von 4 Jahren verurteilt.

 
   

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