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Extrablatt der Niederbarnimer Zeitung vom 16. Oktober 1906:
"Heute Nachmittag gegen 4 Uhr traf hierselbst 1 Hauptmann mit 10
Soldaten ein. Sie gingen zum Rathaus und meldeten sich beim
Bürgermeister. Sie hatten Allerhöchsten Befehl, das Rathaus zu
besetzen, die Kasse an sich zu nehmen und den Bürgermeister Dr.
Langerhans nebst Rendanten v. Wildberg zu verhaften. Der Befehl wurde
sofort ausgeführt. Die Kasse wurde sofort gesperrt.
(Es müssen wohl schwierige Sachen vorgekommen sein, denn eine derartige
sensationelle Verhaftung steht einzig da. Die Red.)"
Extrablatt des Cöpenicker Tageblatt vom 17. Oktober 1906:
"Ein Gaunerstückchen, äußerst frech und raffiniert ausgesonnen
und verwegen in Szene gesetzt, daher erst viel später als ein solches
erkannt, brachte gestern die Gemüter der Stadt Cöpenick in Aufregung.
Einzelheiten der ganzen Begebenheit sind so unaussprechliche und oft so
groteske, daß, wenn man es selbst nicht mit angesehen, man an der
Wahrheit der ganzen Geschichte zweifeln müßte. Wenn man bedenkt, daß
es einem geriebenen Hochstapler, der sich in eine Offiziersuniform
gesteckt, gelungen ist, zwölf Soldaten auf ihrem Wege von der Wache
nach der Kaserne in Berlin anzuhalten und auf seinen bloßen Befehl hin
nach Cöpenick zu dirigieren, dort das Rathaus zu besetzen, den
Bürgermeister, Oberstadtsekretär und Stadtkassenrendanten festzunehmen
und dann mit der 'beschlagnahmten' Kasse unbehelligt zu entkommen, so
kann man sich eines Kopfschüttelns nicht erwehren."
Berliner Lokal-Anzeiger vom 17. Oktober 1906:
"Ein Vorfall, wie er in der heimischen Verbrechergeschichte
seinesgleichen sucht (...) hat sich am gestrigen Abend in dem
benachbarten Köpenick zugetragen. Dort hat ein Gauner in der Maske
eines Garde-Offiziers mit Hilfe einer Abteilung Soldaten, die er durch
eine gefälschte Kabinettsorder täuschte, den Bürgermeister und den
Stadt-Rendanten im Rathaus verhaftet, beide unter militärischer
Bewachung nach Berlin transportieren lassen und dann die Stadtkasse, in
der sich etwas über 4000 Mark in bar befanden, ausgeraubt. Polizei und
Gendarmerie sind in fieberhafter Tätigkeit, des Gauners, der mit seinem
Raube unangefochten entkam, habhaft zu werden."
[Berliner
Morgenpost ...] vom 17. Oktober 1906:
"Eine Räubergeschichte, so abenteuerlich-romantisch, wie wir sie
sonst aus romanhaften Erzählungen kennen, wie sie uns bisher nur in dem
russischen Revolutions-Chaos oder in einem italienischen Briganten-Idyll
möglich geschienen hätte, hat gestern unseren Nachbarort Köpenick
Stunden hindurch mit lähmendem Entsetzen erfüllt. Dort ist es einem,
man darf sagen - genialen - Schwindler gelungen, in Offiziersuniform die
Gendarmerie, den Bürgermeister, den Rendanten und eine Abteilung von 10
Soldaten in seinen Dienst zu stellen, nur damit er aus der Stadtkasse in
aller Ruhe 4000 Mark erbeuten konnte, um ungehindert damit zu
verschwinden. Der Schwindler, der preußische Hauptmannsuniform mit
Mütze trug, fing eine Abteilung von zehn Soldaten ab, die vom
Schießstand nach Berlin marschierten, und zog mit ihnen nach Köpenick
vors Rathaus. Er verhaftete den Bürgermeister und den Rendanten, die er
unter militärischer Eskorte nach der Berliner Hauptwache schickte, und
fuhr selbst mit der Stadtbahn davon."
Zeitung für Mittenwalde und Umgebung vom 18. Oktober 1906:
"Ein unerhörter Gaunerstreich ist am Dienstag in Köpenick
ausgeübt worden. Am Dienstag Nachmittag kam eine Abteilung des
4.Garderegiments unter Führung eines in die Uniform eines Hauptmanns
gekleideten Mannes in Cöpenick an, begab sich auf das Rathaus und
verhaftete den Bürgermeister und den Hauptkassenrendanten. Nachdem
sich der angebliche Hauptmann die 4000 Mark enthaltene Kasse hatte
aushändigen lassen, erteilte er den Befehl, den Bürgermeister und den
Rendanten unter militärischer Begleitung nach der neuen Wache in Berlin
zu schaffen, befahl den Mannschaften das Rathaus noch eine halbe Stunde
besetzt zu halten und fuhr dann in der Richtung nach Berlin davon. Die
Mannschaft, die vom Schießplatz Tegel kommend, in Berlin von dem eine
gefälschte Kabinettsordre zeigenden angeblichen Hauptmann angehalten
und nach Cöpenick geführt worden war, rückte später nach der Kaserne
in Berlin ab. Wie wir noch erfahren, traktierte der 'Hauptmann' auf der
Fahrt nach Cöpenick die Soldaten auf dem Bahnhof Rummelsburg mit Bier,
ebenso bei der Ankunft auf dem Bahnhofe in Cöpenick, wo er noch jedem
Soldaten eine Mark übergab. Ferner soll es auch dem Gauner in Cöpenick
gelungen sein, das dortige Postamt für telephonische Gespräche nach
Berlin auf eine Stunde lang sperren zu lassen."
Rixdorfer Tageblatt vom 18. Oktober 1906:
"Eine polizeiliche Mitteilung über die Person des Räubers lautet:
Der Räuber der Stadtkasse im Cöpenicker Rathause, der als 'Hauptmann'
verkleidet auftrat, ist etwa 45 bis 50 Jahre alt und hat eine ungefähre
Größe von 1,75 Meter. Er ist von schlanker Gestalt, hat einen grauen
herunterhängenden starken Schnurrbart und rasiertes Kinn. Das Gesicht
ist breit, eingefallen und blaß, ein Backenknochen hervorstehend, so
daß das Gesicht schief erscheint. Die Nase ist eingedrückt, die Beine
sind etwas nach außen gebogen (sogenannte O-Beine). Die Haltung ist
stark nach vorn geneigt, eine Schulter steht nach hinten heraus, so daß
auch die Gestalt etwas schief erscheint. Bekleidet war er mit einer
Infanterie-Uniform, Mütze, einem Paletot mit den Hauptmannsabzeichen
des 1.Garderegiments zu Fuß, mit langen Hosen, Zugstiefeln mit
eingesteckten Sporen, weißen Handschuhen und einer Feldbinde. Er trug
einen Offiziersdegen mit Gardestern."
Der Vorwärts vom 19. Oktober 1906:
"Die Heldentat des Talmihauptmanns ist gegenwärtig in aller Munde.
Man gehe in ein Restaurant, fahre auf der Eisenbahn oder benutze die
Straßenbahn, überall hört man von dem Heldenstückchen reden. Und wie
wird geredet keineswegs in dem Sinne, daß man sich etwa entrüstet
über die Beraubung der Köpenicker Stadtkasse, sondern im spöttischen,
sarkastischen Tone; eine gewisse Schadenfreude klingt überall durch
über den Köpenicker Geniestreich.
Es ist auch gar nicht möglich, angesichts diese Vorfalls ernst zu
bleiben. Sehr schnell sind dann auch die Spötter dabei, um die
Situation nach den verschiedensten Richtungen zu bewerten. Fingerfertige
Dichterlinge haben die Köpenicker Tragikomödie in poetische Form
gebracht. Auch die Bühne hat sich bereits der Geschichte bemächtigt.
Im [Metropol
Theater ...] marschierte gestern eine Anzahl Soldaten auf, die sich
darauf beschränkte, zu allen Befehlen des Hauptmanns zu nicken. (...)
Solche Triumphe wie jetzt hat die Spottlust lange nicht gefeiert.
Überall ist man geradezu von Bewunderung erfüllt ob des genialen
Hauptmanns; vielfach wird sogar bedauert, daß der Lohn für das
Stückchen zu gering gewesen sei. Andere geben wieder der Ansicht
Ausdruck, daß der Mann noch übertroffen werden könne. Man brauche
sich nur die nötige Energie zuzulegen und sich in eine Generalsuniform
zu stecken, um schließlich ein ganzes Regiment Soldaten zur Verfügung
zu erhalten."
[Berliner
Morgenpost ...] :
"Daß ein ganzes Gemeinwesen mit allen seinen öffentlichen
Funktionen, ja daß eine Abteilung Soldaten selbst auf so
überwältigend komische und dabei doch völlig gelungene Art von einem
einzigen Menschen düpiert wurde, das hat in unserem Lande der
unbegrenzen Uniform-Ehrfurcht ein militärisches Gewand getan, mit dem
sich ein altes, krummbeiniges Individuum notdürftig behängt
hatte."
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